Seiten

Samstag, 25. Juni 2016

1 : 50.000 ist wie kirschkernspucken nur in weiter

Hatte ich eigentlich erwähnt, dass ich meine Tage bekommen habe? Weil habe ich und nichts kann diese Sturmflut stoppen. Ich laufe aus, sozusagen. Das Dumme an der Sache, also das noch Dümmere ist, dass Feiertag war und ich keine Möglichkeit hatte, Tampons und Binden nachzukaufen und so bleibt es unterwegs spannend und der Vorrat knapp. Aber noch trägt es unsere Protagonistin mit Humor ... auch, wenn es ein Bild aus Büsum ist.


Wie immer bin ich vor Tau und Tag wach und breche heute alle meine bisherigen Rekorde. Um fünf Uhr stehe ich unter der Dusche und bin um sechs schon - mit einer geklauten Rolle Klopapier - auf der Piste. Die Pension liegt diesmal eher im Zentrum und so ist es eine elende Gurkerei, um aus Brunsbüttel hinaus zu kommen und den NOK zu erreichen, an dem es heute endlos entlang gehen wird. 67 Kilometer. Ich nehme die Fähre ... ok, ich müsste sie nicht nehmen, aber Fähre fahren macht Spaß und ist kostenlos, also fahre ich wieder zurück ... Auf dieser Seite gefällt mir der Kanal besser, denn man kann wegen der Kurvenlage besser Schiffe gucken.


Außerdem ist links des Weges jede Menge Gebüch. Ebenerdig. Das Wetter ist herrlich und ich habe längst einen leichten Sonnenbrand. Naja, und weil ich keine Lust auf komische Stirnstreifen habe, wandert mein Helm mal wieder in meinen Fahrradkorb. Der Hand-Arm-Übergang sieht schon lustig genug aus.

Fröhlich radele ich vor mich hin. Travis läuft wunderbar, 16 km/h, ohne, dass ich großartig was tue. Ich liefere mir Wettrennen mit Segelbooten, die das allerdings nicht wissen und gewinne spielend. Nur das eine Containerschiff hole ich nicht ein. Aber gut, vielleicht hätte ich keine Sitzbesichtigung mit Müsliriegel machen sollen.


Es geht immer den NOK entlang und habe ich noch vor ein paar Tagen über den Bikeline-Radwanderführer als Buch mit sieben Siegeln gemeckert, erschließt sich mir das Ganze plötzlich, gerade so, als wäre Magie im Spiel. Man muss nur erst mal begreifen, dass 'Maßstab 1 : 50.000' wie kirschkernspucken ist, nur halt in weiter. Ich fahre also munter von Fähranleger zu Brücke, schlage eine Seite um, fahre von Brücke zu Fähranlger ... schlage irgendwann direkt 2 Seiten um, weil mir das ewige anhalten alle paar Minuten auf den Zwirn geht ... und außerdem geht es eh geradeaus. Immer am Kanal entlang. Es ist halt schön, zu wissen, wo genau man sich gerade befindet, ansonsten könnte man auf diesem Teiabschnitt getrost auf Kartenmaterial verzichten.

Es ist immer noch früher Morgen und am Kanal sitzen jede Menge Angler. Ich frage erst mich, was es hier wohl zu angeln gibt und dann einen Mann. Uupsi, ich bin an den Schweiger geraten. Heureka, es gibt die maulfaulen Schleswig Holsteiner doch. Und zwar in Persona direkt vor mir sitzend. Trotzdem lässt er sich dazu herab, mir mit anderthalb genuschelten Worten zu erklären, was es alles für Fische gibt. Aber das habe ich natürlich längst vergessen, allerdings glaube ich, dass er außer Delfinen und Haien so gut, wie allesgenannt hat. Ich fahre weiter. Von Fähranleger zu Brücke zu Fähranleger zu ... ein Angler sitzt am Wegesrand und aus irgendeinem Grund halte ich an. Irgendwie habe ich heute Extrem-Rede-Nachhol-Bedarf und so verwickle ich den Mann in ein Gespräch in dessen Verlauf er mir erzählt, dass der NOK da vorne gesperrt ist. Oh Mann, es hätte so schön sein können ... Der freundliche Herr beruhigt mich und sagt, dass es nur eine minikleine Brücke ist, kaum der Rede wert und man einfach nur drum herum fahren müsse. Einmal um den Pfeiler, sozusagen. Und so ist es, sogar mit Umleitungsbeschilderung für etwa 20 Meter. Vorbildlich.

Mir ist langweilig. Es geht stur am Kanal entlang und ich habe nichts weiter zu tun, als dem Radwanderweg zu folgen. Langsam habe ich genug Wasser und Schiffe gesehen, aber leider noch jede Menge Kilometer vor mir und so nehme ich zur Abwechslung mal die Fähre, um auf die andere Seite zu kommen.


Ah, endlich passiert einmal etwas spannendes. Ein Containerschiff muss vorbei gelassen werden, ehe wir übersetzen können. Außerdem sitzt ein Opfer bei geöffnetem Fenster im Auto neben mir ... Ich maule ihn ihre Richtung, ob wir das Schiff etwa vorbei lassen müssten und das ja ewig dauern könnte. Aber sie bleibt gelassen und meint, dass das nur ein paar Minuten Zeit kosten würde, nicht überzubewerten und so ist es dann auch.


Wie dem auch sei ist dies nicht das letzte Mal, dass ich mit der Fähre fahre, denn die Eisdiele am Kanal in Rendsburg, sowie meine Pension liegen auf der anderen Seite. Aber zunächst einmal fahre ich hier weiter. Und so radel ich und radel ich und langweile mich ...

Bis ich kurz vor Rendsburg auf Horden von gassigehenden Frauchen stoße. Wir erinnern uns: Spurplattenweg. Zwei huckelige Betonplattenstreifen mit einer Grasnabe dazwischen und Fiffy setzt sich in die Mitte, schön den Hintern in's Grün, die Pfötchen auf Spurplatte. Nun, es ist nicht ganz einfach, die Bahnen zu wechseln und so verringere ich mein Tempo stark und warte, bis Köterli fertig ist. Ich finde das unerhört nett von mir. Nicht so Frodos Mamma, denn die muss die Hinterlassenschaft beseitigen und stellt sich provokant mit ihren "Funny von früher"-Ausmaßen auf den Weg ... im Gras könnte ja Hundekacke liegen ... und zickt mich an, dass es ja mal nett gewesen wäre, wenn ich die Spur gewechselt hätte. Haaa, der Tag ist gerettet. Ich dachte schon, in Schleswig Holstein gibt es ausschließlich nette Menschen, aber die da rückt mein verklärtes Weltbild wieder zurecht und so trete ich erleichtert in die Pedale um kurz darauf in Rendsburg an der Eisdiele anzukommen. Als erstes stürze ich zu den Waschräumen ... dann esse ich ein Eis in neumodischer Sorte, bevor ich die paar Meter zu Famila fahre, um meinen Vorrat an Hygieneartikeln aufzufüllen. Vor dem Supermarkt steht ein Imbisswagen. Da gibt es Krakauer. Das Leben ist schön. Ich überlege, ob ein weiteres Eis vielleicht etwas zu engagiert ist und entscheide mich schweren Herzens dagegen. Außerdem wartet die Pension und die Dusche, die ich gleich auf jeden Fall nutzen werde.

Im Hof steht der Wirt und wässert seine Blumen. Nachdem ich freundlich gegrüßt und das Wiedersehen bejubelt habe, frage ich, ob ich den Schlauch nachher auch benutzen dürfte, um mein Fahrrad notdürftig zu säubern. Meine Güte, das Teil sieht aus, wie Sau und ich darf. Eine wirklich nette Pension samt Betreiber und nachdem ich mein Gepäck nach oben getragen und mein Zimmer bezogen habe, mache ich mich daran, Travis wenigstens vom gröbsten Schmutz zu befreien. Morgen müssen wir glänzen, denn morgen sehen wir Svenja wieder.

Tja, und so geht der letzte Tag meiner Rundreise zu Ende. Morgen bin ich quasi wieder zu Hause, denn ein zu Hause ist auch da, wo deine Freunde sind. Eine kurze Etappe fehlt noch, aber das wird ein Kinderspiel ... also genauso einfach, wie die vergangenen Tage nur in kürzer.

Kommentare:

  1. Langeweile beim Fahrradfahren? Funny, ich glaube, das war eher der Stimmung während Deiner Mens zu verdanken... und die Leute waren bestimmt nicht wortkarg, sondern einfach norddeutsch ;-)

    Jedenfalls könnte ich von Wasser und Schiffen und Fährüberfahrten nie genug bekommen ;-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Nun, ich bin 6 Stunden am Kanal entlang geradelt und es war auf Dauer tatsächlich etwas langweilig. Nichts ist passiert, ich habe den Weg gefunden, das Wetter war schön ...

      Die Menschen waren eigentlich überhaupt nicht wortkarg, also wenn man mal einen gefunden hatte, mit dem man sprechen konnte. Ich denke, dass es einem nur so vorkommt, weil es so wenige Gelegenheiten zum Sprechen gibt und so halt dieser Eindruck entsteht :-)

      Löschen
    2. Tja, es ist nicht gut, oder es taugt nix. Wenn man sich nicht verfährt, wird's langweilig. ;) Die Bikeline-Führer haten wir für den Donauradweg, aber man ist wirklich sehr schnell vom Kartenausschnitt runter. Und wehe, man muss mal aus irgendwelchen Gründen von der Strecke abweichen, das Zurückfinden ist dann nicht leicht.

      Deine Tour liest sich wirklich schön.

      Löschen
  2. Too much information...:D
    Aber immer wieder Respekt über Deine Leistung. Meine Radkarriere reduziert sich nur noch zur Tour zur Eisdiele...man muß ja ein Ziel haben...
    Gruß
    Marcus

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Du hast Recht und ich hatte tatsächlich lange überlegt, ob ich die Sache mit dem Toilettenpapier überhaupt erzählen soll. Immerhin war das kriminell :-)

      Zur Eisdiele ist ja immerhin schon mal was. Das mache ich auch öfters, wohl muss ich dafür mindestens 20 km hin fahren und die gleiche Distanz zurück, sonst gibt es leider kein Eis :-D

      Löschen
    2. Na dann kannst ohne schlechtes Gewissen einen Malaga Becher reinziehen...der ist bis daheim wieder weg....

      Löschen
  3. Du bist sicher die Einzige, die im Zusammenhang mit Schleswig-Holstein und dem Ostseekanal je von "Kurvenlage" gesprochen hat. Schon dafür liebe ich dich.
    Und dass wir uns morgen in deinem Reisebericht wiedersehen...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Wie cool, dass du rechtzeitig zurück bist und mich morgen in Empfang nehmen kannst. Boah, voll das Timing :-)

      Löschen